Blickwinkel Porträtvideo Fabian Maillard

Zwischen Strasse und Bach entsteht ein besonderes Bauwerk: Eine natürlich verkleidete Stützmauer, die sich spontan begrünen soll und Lebensraum für Pflanzen und Tiere bietet. Das Testobjekt zeigt, wie nachhaltiges und naturnahes Bauen auch bei Infrastrukturprojekten möglich ist.

In Zukunft fährt die Glattalbahn im Zentrum von Kloten parallel zum naturnah gestalteten Altbach. Da das Tramtrassee höher liegt als der Bach, ist auf einer Länge von rund einem Kilometer eine Stützmauer notwendig. Wie diese zukünftig naturnah gestaltet sein könnte, ist jedoch noch offen. Mit einem Teststück prüfen die Projektverantwortlichen deshalb eine ökologische Alternative zu einer herkömmlichen Betonwand. Dabei stehen folgende drei Aspekte im Vordergrund:

    1. Harmonisches Erscheinungsbild: Die strukturierte Trasskalkmauer mit Nagelfluhoptik fügt sich harmonisch in die naturnahe Umgebung des zukünftigen Altbachs ein.
    2. Rücksicht auf Mensch und Natur: Der markante Eingriff ins Stadtbild soll möglichst schonend sein – für die Bevölkerung von Kloten ebenso wie für Pflanzen und Tiere.
    3. Eine Mauer im Wandel: Die Oberfläche darf und soll sich über die Jahre verändern. Pflanzenbewuchs, Verwitterung und kleine Erosionsspuren sind gewollt und machen die Entwicklung sichtbar.

Ziel des Projekts ist es, Infrastruktur nicht nur funktional, sondern auch ökologisch wertvoll zu gestalten. Das Teststück in Kloten, ein sogenanntes Mockup, soll zeigen, wie sich Moose und Pflanzen auf der speziell strukturierten Oberfläche ansiedeln – ganz ohne künstliche Bewässerung.

Was die Mauer besonders macht
Die Trasskalkmauer ist keine klassische Betonwand. Sie besteht aus einer rund 20 Zentimeter dicken Schicht aus Trasskalk und Kies, mit welcher die tragende Betonstützwand verkleidet wird. Trasskalk ist ein natürliches Bindemittel mit langer Tradition: Schon die Römer nutzten den sogenannten «Römischen Zement», etwa beim Bau von Stadtmauern. Das Material ist wasserfest, sehr langlebig und benötigt bei der Herstellung deutlich weniger Energie als herkömmlicher Beton.

Die Trasskalkmauer ist mehr als nur ein Bauwerk: Sie lebt. Dank der günstigen Struktur- und Materialvielfalt siedeln sich Pflanzen schneller an als auf glattem Beton. Die raue, unregelmässige Oberfläche bietet zudem viele Rückzugsorte für Kleintiere wie Asseln, Spinnen und Schnecken. Wenn über die Zeit Blütenpflanzen hinzukommen, entstehen auch Lebensräume für Wildbienen und Schmetterlinge – ein kleines Ökosystem mitten in der Stadt. Eine weitere Besonderheit des Testprojekts: Zum ersten Mal wurden Pflanzen direkt in die Mauer eingesetzt – quasi als grüne Starthilfe. Später übernehmen Sonne, Regen und Wind die Regie.

Neben dem ökologischen Nutzen hat die Mauer noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: Die Trasskalkmauer mit ihren begrünten Flächen wirkt lokal kühlend. Algen, Moose und Pflanzen binden CO₂, filtern Feinstaub aus der Luft und sorgen durch Verdunstung für Abkühlung. Während glatte Betonmauern Wärme speichern und die Umgebung aufheizen, bleibt die Trasskalkmauer mit begrünter Oberfläche angenehm kühl – ein Gewinn für Mensch und Natur.

Von Hand gebaut, von der Natur belebt
Ein interdisziplinäres Team aus Experten – von Statikern, Landschaftsarchitekten bis hin zu Ökologen –haben die Mauer gemeinsam entwickelt. Produziert wurde das Teststück von der Firma Lehm Ton Erde Baukunst GmbH aus Schlins (Österreich), der Werkstatt des bekannten Lehmbaupioniers Martin Rauch. Er hat diese beinahe vergessene Bauweise vor rund 30 Jahren neu belebt. So stammen zum Beispiel das Besucherzentrum der Schweizerischen Vogelwarte oder das Kräuterzentrum von Ricola aus seiner Hand.

Ein Prototyp mit Zukunft?
Das Mockup wurde im März 2026 bei der Petergasse in Kloten aufgestellt und bleibt voraussichtlich bis Projektstart bestehen. In dieser Zeit beobachten Fachleute, wie sich Pflanzen und Tiere ansiedeln und wie sich die Mauer über die Jahreszeiten hinweg verändert. Mit Messungen wird zudem geprüft, wie das Wasser über die Mauer abfliesst und wie stabil die Schichten bleiben – selbst bei starkem Regen oder Hochwasser. Auch die klimatischen Bedingungen vor Ort werden genau dokumentiert.

Die Erkenntnisse aus Kloten fliessen direkt in die weitere Planung der endgültigen Stützmauer ein. Bewährt sich das Konzept, könnte die Trasskalkmauer künftig häufiger eingesetzt werden – als nachhaltige Alternative zu Beton. Eine Mauer, die nicht nur stützt, sondern auch Raum für Leben schafft.